CC als Weg in eine neue Independent-Szene
von Life P.Wenn man über Freiheit in der Kunst oder gar politische Kunst spricht, geht es letztendlich immer um die Inhalte. Ein Punk-Song gegen Nazis ist dann politischer als ein Schlager über die Liebe, und ein Kabarettist der Hartz4 anprangert ist engagierter als ein Comedian mit Beziehungs-Problemen.
Einige gehen noch einen Schritt weiter und stellen die Form in den Mittelpunkt. Da wird dann das abstrakte Gemälde oder kryptische Gedicht als rebellisch unkonform gelobt oder die Musik der Free-Jazzer als echte Anarchie gefeiert, verglichen mit den eher konventionellen Ton Steine Scherben- oder Punk-Sonx.
Letztendlich kümmert sich aber keine dieser Betrachtungen um ein Phänomen.
Kunst ist eine Ware, die am Markt einen möglichst hohen Preis erzielen soll. Da tritt der Polit-Kabarettist zu Preisen auf, die ein Hartz4-Empfänger kaum bezahlen kann und auch der Anarcho-Punk hat seine Platte der staatlichen GEMA gemeldet und hätte gern ein paar Tantiemen. Aber wen interessiert das, solange man sich in 120,- Euro Docs und 50,- Euro Longsleeve immer noch als echte Alternative zum Mädel im H&M-Kleidchen fühlen darf?
Wesentlich radikaler sieht es da in Teilen der Computerwelt aus. Unter den Begriffen Open-Source und Freie Software stellen hier Entwickler ihre Projekte zur freien Verfügung. Die Programme dürfen dabei nicht nur frei verwendet und weitergegeben, sondern sogar verändert und für eigene kommerzielle Zwecke genutzt werden. Vorstellungen von Freiheit und Gemeinbesitz, wie sie einmal in eher linksorientieren Kreisen wichtig waren, werden hier weitaus konsequenter realisiert. Und dass diese Programme in puncto Professionalität ihren kommerziellen Konkurrenten nicht unbedingt hinterherhinken beweisen Projekte wie Linux, Open Office oder der Mozilla Firefox.
Auch für den Bereich der Kunst gibt es mittlerweile solche freien Lizenzen, die sogenannten Creative Commons. Hier haben Künstler die Chance ihre Werke unter eine freiere Lizenz zu stellen, als es das Urheberrecht vorsieht. Von einer einfachen Freigabe für den unkommerziellen Hausgebrauch bis zur Gestattung der Weiterverarbeitung existieren hier verschiedenste Möglichkeiten. So kann die eigene Kunst nicht nur noch schneller und vor allem legal durchs Netz kreisen, sondern es können auch ganz andere Möglichkeiten für neue Werke entstehen, gerade in einer Zeit wo das Samplen manchmal fast wichtiger als das Neuerfinden ist.
Probleme des CC Konzepts
Da ist natürlich noch eine wichtige Frage, auf die ich bisher leider auch keine befriedigende Antwort gefunden habe. Wie soll man von derart freier Kunst professionell existieren können?
Die Software-Welt hat hier einen klaren Vorteil. Auch wer freie Programme nutzt, ist oft auf die Hilfe der Profis angewiesen. Lehrbücher, Dienstleistungen und große Konzerne, die Geld in die Entwicklung stecken sind Dinge, die in der Kunst kaum denkbar sind.
Auch andere Dinge machen gerade Musikern das Leben schwer. So dürfen Komponisten, die GEMA-Mitglieder sind keine Stücke unter freien Lizenzen veröffentlichen. Und für viele Zuhörer hat „frei erhältlich” immer noch den Beigeschmack von unprofessionell.
Bisher sehe ich als Lösung dieses Problems nur ein altes, leider so oft diffamiertes Wort, dass ich es kaum auszusprechen wage: SOLIDARITÄT.
Ich glaube, dass freie Lizenzen auf die Dauer nur dann funktionieren können, wenn es ein Umdenken beim Publikum geben wird. Wer sein Geld lieber für die CD's kleiner, freier Bands ausgibt und lieber zehn kleine Veranstaltungen anstelle eines Arena-Konzerts besucht, könnte tatsächlich zu einer neuen Independent-Szene beitragen, die dieses Label auch verdient.
Ich habe auf jeden Fall mein bisheriges „Werk” unter freie Lizenzen gestellt und würde gerne verstärkt mit Menschen zusammenarbeiten, die ähnliche Wege gehen wollen.
Hier noch ein letzter Gedanke:
Ich kann mich an eine alte Lindenstraßen-Folge erinnern, in der jeder Gast des griechischen Restaurants das zahlen sollte, was ihm das Essen wert war. Das Ganze funktionierte dort sogar.
Wir sind zwar noch weit davon entfernt, derartige Wege realisieren zu können, aber meines Erachtens gehen solche Gedanken in die richtige Richtung und sind ein Weg in die Zukunft einer neuen Underground-Szene...
LG Life
Kommentar von Life
Rate Mal:
Also, für jemanden der den Begriff Philosophie so hoch hält war dieser Kommentar ja doch eher geistige Kost auf Diät-Niveau.
Die Pseudo-Künstler Picasso, Ellington, Haring, Joyce, Warhol, Cronenberg, etc. haben alle nicht gerade hungernd in einer Tonne gehaust und einem gewissen Herrn Satre ist es auch ganz gut gegangen.
Übrigens ob Künstler oder nicht: Huren sind wir in dieser Gesellschaft alle auf die eine oder andere Weise.
Eigentlich soll es hier aber um CC-Lizenzen und neue künstlerische Möglichkeiten gehen...
Kommentar von Hänschen Rosenthal
"Also, für jemanden der den Begriff Philosophie so hoch hält war dieser Kommentar ja doch eher geistige Kost auf Diät-Niveau."
Ui, ui, ui, Leif, dachte DU hättest mehr drauf, echt enttäuschend!
Zumindest reicht es bei mir noch die Prüfsumme auszurechnen, um hier was zu schreiben, :-)))
Kommentar von Rate Mal
Interessanter Ansatz, damit gibst Du genau den Unterschied zwischen Kunst und Design wieder.
Künstler kann nur der sein, der keine Gewinnerzielungsabsicht im unternehmerischen Sinne hat (Steuer- & Handelsrecht), alle anderen sind nur Pseudo-Künstler und Huren der Gesellschaft. Ein echter Künstler ist ein Philosoph!
"Wie soll man von derart freier Kunst professionell existieren können?"
Was heisst hier schon "professionell" und fragt ein Philosoph nach seiner körperlichen Existenz?